Samstag, 8. April 2017

Der Mavrovo Nationalpark – im blauen Herzen & grünen Gürtel Europas

Das blaue Herz und das grüne Band Europas….Noch nie was davon gehört???
Wir zugegebenermaßen vor unserem Trip über den Balkan auch nicht.


Und auch von einem kleinen aber feinen Nationalpark im Nordwesten Mazedoniens, der Teil beider dieser europäischen Naturschutzinitiativen ist, hatten wir bisher noch nichts vernommen, dem Mavrovo Nationalpark.

Als „das blaue Herz Europas“ bezeichnet man ein verzweigtes Netz aus weitgehend naturnahen und teilweise vollständig unberührten Fließgewässern, ausschließlich auf dem Balkan, die dazu beitragen eine riesige Biodiversität zu erhalten und sich in der überwiegenden Anzahl in gutem bis sehr gutem Gewässerzustand befinden.

„Das grüne Band Europas“ wird ein Ost-West Grenzstreifen quer durch Europa vom Eismeer im Norden bis ans Schwarze Meer in der Türkei im Süden, der durch den Kalten Krieg entstanden ist, genannt. Durch die Funktion als politische „Pufferzone“ sind die Gebiete weitgehend naturnah erhalten geblieben. Auch das grüne Band ist Garant für den Erhalt ursprünglicher Landschaften und bedrohter Flora & Fauna.

Der Mavrovo Nationalpark ist mit Gründungsjahr 1949 einer der ältesten in Europa. Touristisch wenig erschlossen findet hier eigentlich nur im Winter ein wenig nationaler Skitourismus statt und im Sommer verirren sich ab und an Wander- und Mountainbiketouristen in das Gebiet. Und im Spätsommer 2016 auch wir in unserem Camper.


Auf der Fahrt vom Ohrid See in den Nationalpark entlang der R1201 folgt man eigentlich stetig dem Fluss Drin. Bis er plötzlich verschwindet und ein Wasserkraftwerk auftaucht….Daran schließen sich der Debar-See und der Fluss Radica an. Alle sind Teil des „blauen Herzens“. Und dann ragt plötzlich ein bereits in die Jahre gekommenes Stauwehr vor einem auf und dahinter der Mavrovo See. Er wurde 1952 durch Stauung der Mavrovska Reka geschaffen, um bis heute 3 Wasserkraftwerke zu betreiben. Die ehemalige Kirche Sankt Nicolas des Ortes Mavrovo Anovi, welcher überflutet und umgesiedelt wurde, zeugt heute noch von dem Tal, das nun unter dem 10x3km großen See liegt.

Vermutlich hat der See als Angel- und Wassersportrevier zur Attraktivität des Parks beigetragen, allerdings war er auch früher Vorbote eines sich weiter akut anbahnenden Unheils…Wie auf dem gesamten Balkan sind alleine für den Mavrovo Park 20 weitere, in ihrer Effizienz mehr als fragliche  Wasserkraftwerke geplant. Die Umsetzung der Pläne hätte katastrophale Auswirkungen auf die Natur im Gebiet und würde die Idee eines Nationalparks ohnehin ad absurdum führen. Sollten die gesamten Pläne in die Tat umgesetzt werden hieße dies, dass fast kein einziger Bach oder Fluss im Park mehr frei fließen würden….Und leider hängt dieses Damoklesschwert über vielen einzigartigen Regionen des Balkans, z.B. in Albanien, Bosnien-Herzegovina, Slowenien, Kroatien und Serbien. Wer sich hierzu näher informieren möchte findet Hintergrundinformationen und wissenschaftliches Material unter „Save the Blue Heart of Europe“ : www.balkanrivers.net/de


Wir haben den Park glücklicherweise einsam und in noch wenig beeinträchtigtem Zustand erleben dürfen. In den Tälern wachsen Buchen und Eichen und in den Höhen finden sich einige Tannenwälder. Doch der größte Teil des Nationalparks ist Grasland, da man bis Anfang der 50er Jahre weite Flächen Wald abgeholzt halt, um den Bauern die damals noch sehr intensive Schafhaltung zu erleichtern. Und so fühlt man sich zeitweise in eine (gar nicht unattraktive) Steppenlandschaft versetzt.

Der Nord-Westen des Park grenzt über eine lange Strecke an Albanien, hier liegen die höchsten Berge, so auch der Golem Koreb mit 2.760 Metern. In der Einsamkeit des Parks leben Bären, Wölfe, Fischotter und auch die letzten hundert  des hoch bedrohten Balkanluchses. Auch dieser letzte Lebensraum des Luchses würde vermutlich durch die Staudammprojekte gestört und sein Schicksal wäre besiegelt.

Der Park ist v.a im Frühjahr und Herbst ideal zum wandern und mountainbiken. Allerdings existiert nur eine rudimentäre Beschilderung und die Karten, die man eigentlich in der Touristen-Info bekommen sollte sind oft vergriffen, auch als wir dort waren. Auch die Wanderwege sind teils schlecht gepflegt und stark zugewachsen. Und so kämpften auch wir mit nicht erkennbaren Wegen und  vermutlich verdrehten Schildern und haben den Aufstieg auf den Gipfel des Govedarnic vom Örtchen Galičnik aus irgendwann unterbrochen, weil wir ihn schlicht nicht gefunden haben!


Aber auch der Blick in Richtung des Nachbardorfes Janče, das nur 6km Luftlinie entfernt liegt, aber auf der Strasse mit dem Auto nur in 1,5h Stunden mit Fahrt durch den halben Park oder eben zu Fuss zu erreichen ist, war formidabel! Und im mehr als verschlafenen und fast vollständig verlassenen Galičnik findet im Juli jeden Jahres eine ganz besondere Party statt, das so genannte Hochzeitsfest… 2 heiratswillige Paare (die zum Teil über einen Wettbewerb ausgesucht werden) und  fast 3000 Besucher aus aller Welt feiern ein Fest aus jahrhundertealten Traditionen! Mit allem modernen KlimBim wie Fernseh-Teams, Live-Übertragung und Presse-Konferenz!

Auf der Rückfahrt aus dem Park gen Albanien liegt noch der Ort Rostushe. Von hier aus kann man in einer kleinen gemütlichen Wanderung den hübschen Duf-Wasserfall besuchen. Bemerkenswert sind zwei Dinge:  die konstante Temperatur in der durchwanderten Schlucht und die Mengen an Müll, die von den überwiegend einheimischen Besuchern hier mitten in relativ ursprünglicher Natur hinterlassen werden! Und man bekommt es mit der Angst zu tun, dass die Durchsetzung der von öffentlicher Seite angepriesenen Wasserkraft-Werks-Projekte hier möglicherweise doch auf mehr offene Ohren stoßen könnte als die sachten Warnungen der wenigen Naturschutzorganisationen…

Es wäre jammerschade! Denn es würde den wunderschönen Westen Mazedonien auf immer verändern…..

QUELLE: Love, Create, Travel von 12.2016