Header Ads

Ein See im Weltkulturerbe macht blau


Im Weltkulturerbe an der mazedonisch-albanischen Grenze gibt's nicht bloß Hochkultur. Ohrid war lange der Nabel der slawischen Welt.

Der Pfau kam von hinten. Das war schlau, weil seine Verwandten vorn Räder schlugen und niemand den Inhalt eines Picknickkörbchens im Auge hatte, warum auch. Im schattigen Park hinter dem Kloster Sveti Naum lagern im Sommer Hunderte, die mit dem morgendlichen Tourschiff aus Ohrid kommen, ein wenig flanieren und sich abends wieder zurück ans andere Ende des Bergsees schippern lassen. Touristen natürlich, mit Blume am Strohhut und Rüschenrock die einen, frisch geföhnt aus irgendeinem Hardrock-Café die anderen. Pfaue gibt es deutlich weniger. Die jedoch haben Salami, Keks und Kamerariemen recht gern und treiben selbst hinter dicken Klostermauern ihr Unwesen.

Der albanische Grenzbalken liegt gleich dahinter, doch der kleine Grenzverkehr ins Land der Skipetaren hält sich in Grenzen. Dass sich's hier gut leben lässt, ist schon lange bekannt. Über 250 prähistorische Monumente und Spuren bis zurück zum Neolithikum und in die Bronzezeit machen die Region um Ohrid, den Hauptort am mazedonischen Nordostufer, zur ältesten Dauersiedlung Europas: 1979 wurde der See, der östlich vom Galizia-Nationalpark (Anmerkung: Galichica nicht Galizia, Red.) von 2000er-Gipfeln umrahmt wird, ein Jahr darauf die Stadt Ohrid selbst zum UNESCO-Welterbe ernannt.

Ohrid war lang der Nabel der slawischen Welt
Schrift, Bildung, Kultur und Tradition - mit mehr als 40.000 Einwohnern die achtgrößte Stadt Mazedoniens, war Ohrid lang der Nabel der slawischen Welt. Die Blütezeit hinterließ eine architektonische Schatzkiste alten slawischen Lebens. Kliment und Naum, beide Schüler von Kyrill und Method und mittlerweile heiliggesprochen, hinterließen im 9. Jahrhundert eine Fülle an kyrillischem Schriftgut.

Naum wird heute im Kloster Sveti Naum verehrt, am anderen Seeufer, nicht mehr als 30 Kilometer oder rund zwei Stunden Schifffahrt entfernt. Kliment - er begründete die erste slawische Universität - wurde Schutzpatron der Stadt.

Kliment und Naum heißt heute niemand mehr. Eher Kevin oder Altin, je nachdem, wo die Väter das Jahr über arbeiten, bevor sie im dunklen BMW für die Dauer eines Sommers zurückkommen. Die meisten über den "Mutter-Teresa-Motorway" ab Skopje, wofür vier Stunden realistisch sind. Manche brauchen bloß zwei Stunden, Vollgas, gestoppt lediglich von Mautschranken und gelegentlichem Wildwechsel in Form von unversehens querenden Traktoren auf Baustellen.

Die Altstadt von Ohrid erstreckt sich hinauf bis zur alten Festung des Zaren Samuil, wie die Zitadelle oben genannt wird, über viele Hügel und enge Gässchen. Dort hat so mancher Fiat Zastava aus 
Titos Zeiten einen Platz für die Ewigkeit gesucht und als Hasenstall neue Erfüllung gefunden.

Die illyrische "Stadt des Lichts", was ihr griechischer Name "Lychnidos" bedeutet, geriet bald in den Einflussbereich von Alexander dem Großen, den Mazedonien gerne für sich allein hätte, was die Griechen nicht besonders freut.

Und so steht Alexander überall, in Erz gegossen als Monument oder als Souvenir aus Plastik, gemeinsam mit Kliment und Naum und anderen Großen der hiesigen Geschichte.

Ohrid gehörte einmal zum Osmanischen Reich
Die Slawen machten Ohrid zur "Stadt auf dem Hügel", die bis zum Zweiten Weltkrieg mal zum Osmanischen Reich, mal wieder zu Bulgarien gehörte und danach Jugoslawien zugesprochen wurde.

Die alte Karawanserei ist inzwischen ein Einkaufszentrum, aber das orientalische Badehaus steht noch immer, genauso wie der Sahat-Kula, ein osmanischer Uhrturm. Promenieren lässt sich jedenfalls überall prächtig. Östlich des Stadthügels Deboj zum Beispiel, entlang der Flaniermeile zum Platanenplatz mit der Abidin-Pascha-Moschee, wo der Montagsmarkt buntes Volk aus fern und nah anzieht. Tomaten gibt es, und Tankkanister, beides knallrot. Oder Gurken in abenteuerlicher Krümmung fernab aller Normen neben Auspuffdämpfern im Abverkauf, die recht gebraucht aussehen und Altin oder Kevin wohl gut gefallen.

Wer genug von Hilfiger-Hosen und knallrosa Himbeereis hat, könnte sich im Institut für Denkmalpflege die Ausstellung der slawischen Schreibkunde zu Gemüte führen, oder die Ikonengalerie besichtigen. Und in das Stadtmuseum im Bürgerhaus der Familie Robevi eintauchen - mit seiner Sammlung von 9000 antiken Münzen. Oder zu Sveti Jovan Kaneo auf einer Felsklippe am See wandern, das Bilderbuchmotiv von Ohrid schlechthin. Dazwischen gibt's ein paar kiesige Badebuchten für Hitzige. 
Magisch blau war der See ohnehin immer schon, lange vor Kyrill, Kliment und Kevin.